Viadukt von Moresnet

Der Viadukt von Moresnet

Am 18. Mai 1940 das erste Mal gesprengt, am 10. September 1944 erneut gesprengt

 

10.03.2015

Der Viadukt von Moresnet war bis in das Jahr 2003 das „längste Brückenbauwerk Belgiens“ und ist bis heute das größte und imposanteste Bauwerk der Montzenroute.

 

Hierzulande ist die Eisenbahnbrücke seit Jahren eine touristische Attraktion. Damals war sie jedoch eine Ausführung kriegerischer Handlungen, die bei den Dorfbewohnern Furcht, Angst und Schrecken verbreitet haben.

 

Es gab Sprengungen und mit dem Fortschreiten des Krieges wurde die Gefahr durch Luftangriffe immer größer.

 

Heutzutage erinnern wir uns an diese Ereignisse nur noch selten und die Brücke ist vermutlich nur noch eine sehr vage Vorstellung von dem, was sie damals verkörpert hat.

Von einem belgischen Sprengkommando am 18. Mai 1940 teilweise zerstört, wurde die Brücke zu Beginn der deutschen Westoffensive für die deutschen Besatzer unbrauchbar gemacht. Von deutschen Soldaten instand gesetzt, konnte die Brücke allerdings wieder im Dezember 1940 in Betrieb genommen und für militärische Zwecke der Deutschen genutzt werden.

 

Die strategische Bedeutung dieses Bauwerkes unweit des großen Montzener Rangierbahnhofs machte Moresnet zu einem der führenden Ziele für Luftangriffe der Alliierten. Während der gesamten deutschen Besatzungszeit lebten die Moresneter Dorfbewohner in Angst vor diesen Luftangriffen. Am 10. September 1944 wurde die Brücke dann erneut weggesprengt, diesmal von den Deutschen auf ihrem Rückzug aus dem Besatzungsgebiet, in der Absicht, den amerikanischen Vorstoß aufzuhalten. Diese Sprengung versetzte die Bevölkerung erneut in Angst und Schrecken.

 

Der Wiederaufbau der Brücke wurde durch die Firma Beaume-Marpent aus Halne-Saint-Pierre vorgenommen und dauerte fünf Jahre. Hunderte von Arbeitern waren damit beschäftigt, von denen zahlreiche verletzt wurden. Der Kelmiser Jean Autmans, 39 Jahre, wurde bei den Instandsetzungsarbeiten sogar getötet. Ein an einem Brückenpfeiler angebrachtes Kreuz soll die Absturzstelle markiert haben. Am 2. Oktober 1949 war die Brücke dann wieder einsatzbereit.

Wiederaufbau der Brücke - 1947

Wiederaufbau der Brücke - 1947

Man könnte meinen, dass der Krieg der „Grund“ für den Bau dieses imposanten Bauwerks gewesen ist. Die Geschichte des Viadukts von Moresnet begann jedoch viel früher, als zu Beginn des 19. Jahrhunderts die belgische und preußische Regierung eine Verbesserung der Eisenbahnverbindungen zwischen Belgien und Preußen vereinbarten. Belgien plante dazu eine Eisenbahnstrecke von Brüssel bzw. Löwen über Tongeren nach Aachen. Die belgische Regierung nahm dann aber von der Ausführung Abstand, da Städte wie Lüttich und Verviers um die Qualität ihrer Eisenbahnanbindungen fürchteten.

Es ist schließlich der preußische General Wilhelm Groener, der im Jahre 1914 Nägel mit Köpfen machte und die Strecke Aachen West-Tongeren als deutsche Kriegsbahn anordnete. Wohlgemerkt orientierte sich Groener dabei an Planungen, die es längst vor Kriegsausbruch gab.

 

Die benachbarte Niederlande war während des Ersten Weltkrieges neutral und stellte daher den gesamten Eisenbahnverkehr zwischen Deutschland und Belgien ein. Die Bahnstrecke von Aachen-West nach Tongeren musste also auf belgischem Territorium verlaufen, und zwar via Gemmenich, Montzen und Visé, von wo aus man die Hafenstadt Antwerpen erreichte. Dies hatte natürlich zur Folge, dass zahlreiche aufwändige Brückenkonstruktionen gebaut werden mussten. Wichtigstes Teilstück bildete dabei das über 1100 Meter lange Göhltal in Moresnet. Der Bau des Viadukts von Moresnet war geboren.

 

Der Erste Weltkrieg ist also vielmehr der „Anlass“ für den Beginn der Bauarbeiten zur Errichtung des Moresneter Eisenbahnviadukts gewesen.

Wilhelm Groener - 1928

Wilhelm Groener - 1928

Das Basisprojekt sah eine Brückenanfertigung in Betonbauweise vor. Aus Zeitmangel und angesichts des erheblichen Aufwands musste eine andere Lösung gefunden werden. Da die Stahlindustrie schon einige metallischen Brücken gebaut hatte, gaben die Deutschen den Bau einer solchen metallenen Eisenbahnbrücke in Auftrag. Zum Zeitpunkt des Baubeginns gegen Ende des Jahres 1915 zählte jedoch nur die schnelle Fertigstellung für den deutschen Truppen- und Materialtransport. Operationell war die Brücke jedoch erst zu Beginn des Jahres 1917. Daher trug die Brücke 1917 den Namen „General Groener-Brücke“. Dieser Name soll auf einem Betonblock sichtbar gewesen sein.

 

Ziel des Moresneter Eisenbahnviaduktes war es, den deutschen Truppen schnelleren Zugang zur Front in Flandern zu ermöglichen, auch mit schwerem Gerät. Seit ihrer Fertigstellung im Jahre 1917 rollten so Tag und Nacht Züge mit Kriegsmaterial über die neue Eisenbahnbrücke. Bei der Vorbereitung der letzten großen deutschen Offensive im Westen im Juli 1918 sollen täglich sogar bis zu 60 Militärzüge über diesen Streckenabschnitt befördert worden sein.

 

Nach der Kapitulation der Deutschen im November 1918 ging die Brücke fast unbeschädigt an den belgischen Staat zurück. Nach einigen Instandsetzungsarbeiten wurde sie anschließend für den Güterverkehr und Handelsbeziehungen zwischen Antwerpen und Aachen genutzt.

Die Fachwerkbrücke angesichts des Zweiten Weltkrieges

1940: Sprengung der Brücke

 

Als am 10. Mai 1940 die deutschen Truppen in das westliche Belgien einmarschieren und Moresnet einnehmen, wird die Göhltalbrücke nur acht Tage später von einem Sprengkommando des an der Grenze stationierten belgischen Radfahrerbataillons teilweise weggesprengt. Ein Lütticher Fort soll dabei ebenfalls unterstützend zum Einsatz gekommen sein und versucht haben, durch Fernbeschuss etwas zu erreichen, was aber nicht viel gebracht haben soll.

Paradoxerweise wurde die Explosion ausgelöst, kurz nachdem ein von Aachen her kommender, mit einem deutschen Sturmtrupp besetzter Zug am Knotenpunkt Buschhausen oberhalb Halt gemacht hatte. Die Soldaten wollten gerade links und rechts vom Bahndamm vorrücken.

 

In Rekordzeit wurde die für militärische Transporte unerlässliche Brücke wieder aufgebaut und in Betrieb genommen. Mit der militärischen Nutzung der Brücke und ständigen Reparaturen wurde die Gefahr durch alliierte Luftangriffe jedoch immer größer. Die Brücke soll daher durch zwei Flak-Geschütze gesichert worden sein. Doch die starken Ängste, die die Dorfbewohner verspürten, sind heute nicht mehr nachzuempfinden. Aus Angst vor Bombenangriffen verletzt oder gar getötet zu werden suchten viele von ihnen Zuflucht in Kellern, die ausreichenden Schutz bieten sollten. Die Steingruben des Schlosses David im Ortsteil Bambusch etwas außerhalb bildeten dabei einen zentralen Punkt.

1940-1950

1940-1950

1944: Erneute Sprengung

 

Der Krieg geht in die Endphase. Der Viadukt von Moresnet wird erneut gesprengt. Diesmal sind es die Deutschen selbst, die die Brücke auf ihrem Rückmarsch am 10. September 1944 hochgehen lassen. Und wieder brachten sich die Dorfbewohner vor den Explosionsschlägen in Sicherheit und flüchteten in die nahe liegenden Steingruben von Schloss David. Getötet wurde dabei zum Glück niemand. Allerdings wurde das Dorf Moresnet durch die mutwillige Zerstörung erheblich in Mitleidenschaft gezogen. Dutzende Fensterscheiben gingen zu Bruch, Dachziegel zerbarsteten oder wurden einfach weggeblasen, überall Trümmer und Zerstörungen.

1940-1950

1940-1950

Das Schicksal von dutzenden russischen Kriegsgefangenen

 

Etwa 14.000 Menschen sollen beim Bau des Viadukts von Moresnet zum Einsatz gekommen sein, darunter Belgier, Deutsche, Italiener, Ungaren, Kroaten, aber auch Russen und russische Kriegsgefangene. Von der russischen Front hierher geschickt mussten sie besonders unter menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen schuften. Härteste Bauarbeit, nie ausreichende Verpflegung, miserable Unterkünfte.

 

Die kläglichen Umstände bewogen die Russen dazu, kleine Bastelarbeiten aus Holz herzustellen, die sie an die Bevölkerung verkauften, um wenigstens etwas Geld für Essen und Zigaretten zu haben. Viele ergriffen die Flucht, in die nahe Niederlande, doch die meisten scheiterten am elektrischen Zaun an der Grenze und wurden dabei getötet. Viele andere nahmen sich aus Verzweiflung das Leben oder kamen im Zuge der Bauarbeiten ums Leben. Etliche von ihnen sollen dabei sogar im Beton der Pfeiler begraben worden sein. Nichtsdestotrotz fanden neun Russen ihre letzte Ruhestätte auf dem Friedhof von Moresnet direkt unter dem Eisenbahnviadukt.

Friedhof von Moresnet

Friedhof von Moresnet

Russengrabstätte Moresnet

Russengrabstätte Moresnet

Mit dem Kriegsende hörte die Sklavenarbeit der russischen Gefangenen dann endlich auf. Leider kehrte für die Russen nicht wirklich Frieden ein, denn im Zweiten Weltkrieg sollte das Inferno von vorne beginnen.

 

Auf einem Waldweg am „Meyerskopf“ verlief ein alter Bahndamm („Bähnchen“ oder „Bahnegleis“, wie Eupener Bürger ihn nannten), auf dem eine Minenbahn (Schmalspurbahn) fuhr, die bis zur „Route de la Robinette“ hoch oben im Hertogenwald führte. Sie transportierte das in der Nähe geschnittene Holz zu einem Sägewerk in Perkiets (Membach), von wo aus das Holz weiter mit der Straßenbahn zur „großen Bahn“ nach Dolhain gefahren wurde. Dort umgeladen wurde es anschließend in das Deutsche Reich gebracht.

 

Wie es das Schicksal wollte, benutzten die Deutschen im Zweiten Weltkrieg die Russen, um diese Arbeiten auszuführen, jene Gefangenen, die bereits zur Zeit des Ersten Weltkriegs für diese Sklavenarbeiten eingesetzt worden waren.

Der Viadukt von Moresnet

  • Ist eine der längsten metallischen Eisenbahnbrücken Europas und war bis in das Jahr 2003 das längste Brückenbauwerk Belgiens. Er verbindet die Bahnhöfe Aachen (Aachen-West) mit dem großen Güterbahnhof Montzen und ist Teil der „Bahnlinie 24“, die Aachen mit Tongeren verbindet.
  • Die Brücke ist 1107 Meter lang und 58 Meter hoch am höchsten Punkt über der Göhl.
  • Von 21 Pfeilern gehalten ruhen hier 22 ca. 200 Tonnen schwere Stahlfachwerkelemente, auf deren Oberseite die Schienen, zwei spurig, verlaufen.
  • Während des Ersten Weltkrieges wurde die Brücke von den Deutschen als Teil der Strecke von Aachen (Aachen-West) nach Tongeren errichtet. Die Strecke sollte militärischen Truppen und Materialtransporten schnelleren Zugang zur Front in Flandern ermöglichen.
  • Im Zweiten Weltkrieg wurde die Brücke gleich zweimal gesprengt, einmal im Mai 1940 beim Einmarsch der Deutschen in Belgien, und einmal im September 1944 auf ihrem Rückzug aus dem Besatzungsgebiet.
  • Mit dem Bau waren bis zu 14.000 Arbeiter beschäftigt, darunter bis zu 1.000 russische Kriegsgefangene, die unter miserabelsten Arbeitsbedingungen härteste Bauarbeit leisten mussten.
  • Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten an der Brücke aufwändige Reparaturarbeiten ausgeführt werden, die fünf Jahre dauerten. Am 2. Oktober 1949 war die Brücke wieder befahrbar.
  • Umfangreiche Erneuerung der Brücke in 2003/2004.
  • Oktober 2004: Großes Volksfest in und um Moresnet sowie am Dreiländerpunkt zur Einweihung des neuen Eisenbahnviadukts.
  • Seit der völligen Renovierung im Jahr 2003/2004 und der Elektrifizierung der Brücke im Jahr 2008 wird 70 % des gesamten Bahngüterverkehrs zwischen dem Hafen von Antwerpen und Deutschland sowie den osteuropäischen Staaten über diese Brücke abgewickelt. 80-90 Güterzüge verkehren seitdem täglich auf der Brücke in beiden Richtungen.
  • Eine technische Meisterleistung, wo die Brücke darüber hinaus gemäß Vorgabe harmonisch in das Landschaftsbild passen musste.

Weitere Informationen finden Sie hier und auf meiner Seite www.bunkertours.be, Göhltal-Viadukt.

 

Die kompletten Fotos 1940-1950 finden Sie hier.

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